Interview mit Leïla Slimani, Preisträgerin des „Prix Goncourt” 2016

Am Mittwoch, den 16. November, hatte der erste Jahrgang des Masterstudiengangs „Métiers de l’édition“ die große Ehre, ein Treffen mit Leïla Slimani in der Librairie Kleber, einer großen Buchhandlung im Herzen Straßburgs, zu organisieren sowie aktiv daran teilzunehmen.

Die Autorin, die sich nach der Verleihung des Prix Goncourt für ihren Roman Chanson douce immer noch in einer „Achterbahn der Gefühle“ befindet, hat die Fragen von Audrey, Elise, Lilén und Lucie ganz offen beantwortet. Abschließend konnten auch noch die Leser, die in großer Zahl zu der Veranstaltung gekommen waren, ihre Fragen an die Autorin stellen.

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Die Autorin beantwortet die Fragen der vier Masterstudentinnen. Foto von Lucie Vogel

Bis 2012 und bevor sie sich der Schriftstellerei widmete, arbeitete Leïla Slimani für Jeune Afrique, eine wöchentlich erscheinende Zeitschrift, die sich mit dem aktuellen afrikanischen und internationalen Geschehen beschäftigt. Ihre Techniken zu berichten haben, laut ihr, ihr Schreiben von Romanen bereichert, indem sie ihr eine hohe Aufmerksamkeit fürs Detail gegeben haben.

Ihr Treffen mit Jean-Marie Laclavetine, Verlegerin bei Gallimard, und der darauffolgende andauernde Kontakt haben ihr dieses Jahr die Möglichkeit eröffnet, ihren zweiten Roman zu veröffentlichen.

Chanson douce, der am 3. November mit dem hoch angesehenen Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, beginnt mit einem grausigen Befund: „Le bébé est mort“ („Das Baby ist tot“). Diese Szene, übrigens die zuerst geschriebene, leitet die nicht-chronologischen Erzählung ein. Aber es ist nicht so, dass man von diesem Punkt schon über die komplette Geschichte informiert ist: Myriam und Paul, zwei Pariser Wohlstandsbürger, sind auf der Suche nach einer Tagesmutter für ihre Kinder. Schnell finden sie Louise, die als perfekt für diesen Job erscheint, sich allerdings mehr und mehr in ihr Leben einmischt – bis das Unglück geschieht. Durch die Wahl des Kindsmords als erste Szene wollte die Autorin jegliche Spannung von vornherein verhindern. Sie konzentriert sich auf die Beobachtung, mit der Idee, die bedeutsamen Banalitäten aufzuzeigen, die kleinsten Unstimmigkeiten in diesem „chanson douce“, der das junge Paar in ihren Illusionen wiegt. Eine markante Textstelle des Romans beschreibt eine deutliche Regelüberschreitung, die zu wichtig ist, um nicht von unseren vier Kolleginnen erwähnt zu werden: „du poulet“. Als Myriam von der Arbeit nach Hause kommt thront auf dem Tisch das Gerippe eines Hähnchens, glänzend und perfekt gereinigt, welches am Vortag in den Müll geschmissen wurde, da das Fleisch für schlecht gehalten wurde. Diese Passage repräsentiert, wie uns Leïla Slimani erklärt hat, als eine subtile aber merkliche Andeutung, den Klassenkampf, der sich zwischen Louise und Myriam entspinnt, bezogen auf das Essen und das Einkommen, welche sich zwangsläufig zwischen den sozialen Klassen unterscheiden. Auch wenn diese Anspielung wichtig erscheint, Leïla Slimani weist jegliche Moralisierung ihrerseits zurück. Obwohl sie Dostoievski und Tolstoi bewundert, nimmt sie Abstand davon, deren Beispiel zu folgen, und zieht es vor, wie Tchékhov und Camus zu denken. Im Grunde genommen sieht sie die Literatur als Hilfsmittel, Fragen zu stellen, nicht um Antworten zu liefern. Sie gibt nicht eine einzige Entschuldigung für das Verhalten Louises, sondern begleitet diese Frau und rekonstruiert deren Geschichte. Slimani stellt die Situation klar, bevor sie die Geschehnisse aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, sei es die der Nachbarin, der Kinder oder die von Personen aus Louises Vergangenheit

Auch weitere Fragen wurden von Slimani zur Sprache gebracht, ohne dass sie uns eine Antwort darauf geben wollte. Die Elternschaft und ihre Probleme sind eindeutig zentrale Themen des Romans: Myriam ist zwischen ihren Kindern und ihrer Karriere hin und hergerissen und Louise, ebenfalls Mutter, findet mehr Gefallen daran, die Ersatzmutter für Mila und Adam zu sein, den Kindern des Paars. Laut Leïla Slimani gibt es für den inneren Konflikt Myriams nicht unbedingt eine Lösung. Eine Frau will sich entfalten und, auch wenn sie Mutter und Ehefrau ist, eine Frau und ein Individuum sein. Das gleiche gesellschaftliche Problem wurde schon in ihrem ersten Roman, Dans le jardin de l’ogre, angesprochen, in welchem Adèle, Mutter einer Familie, eine Sexsucht entwickelt.

Adèle und Myriam sind ganz gewöhnliche Frauen, aber im Camus’schen Sinne auch eigenartig, einem inneren Schwindel ausgeliefert.

Auf eine Frage aus dem Publikum antwortend, die sich ebenfalls um diese weiblichen Charaktere drehte, beschreibt sie, dass es den beiden „an Schlichtheit fehle“. Sie sieht sie als Frauen, die sich nicht mit dem abfinden können, was sie sind, und in einer Traumwelt leben.

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Leïla Slimani. Foto von Laure Chataignon

Adèle, Myriam, Louise… In beiden Romanen haben die Frauen eine Sonderstellung. Auf die Nachfrage nach dieser Entscheidung erklärte Leïla Slimani, dass die Beschreibung weiblicher Charaktere sie mehr fasziniert und dass sie sich ihnen auf jeden Fall auch in ihren zukünftigen Werken widmen will. Sie zitiert Virginia Woolf, die beklagt, dass Frauen immer nur von Männern beschrieben würden, und versucht wie sie, die Rolle der Frau wieder neu zu entdecken.

An dem Frage-und-Antwort-Spiel des Publikums teilnehmend, rief die Autorin auch die praktischen Aspekte ihres Schreibens ins Gedächtnis, wie zum Beispiel die Entstehung des Titels ihres letzten Romans. Anfangs wollte die ihn Une Chanson douce nennen, doch unglücklicherweise existierte dieser Titel bereits. Letztendlich gefiel ihr Chanson douce, ein weniger melodischer Titel, sogar besser, da er den harten und eisigen Aspekt des Romans stärker zu Geltung bringt.

Sowohl für die Studierenden als auch für das Publikum, sich an diesem Abend im Salle Blanche zusammengefunden hatte, war der Austausch mit Leïla Slimani eine enorme Bereicherung. Die Veranstaltung endete mit einem donnernden Applaus und zahlreiche Leser bemühten sich, zu ihr auf die Bühne zu gelangen, um ihr Exemplar von Chanson douce signieren zu lassen.

Hier finden Sie einen Ausschnitt des Interviews:

Interview mit Leïla Slimani, Gewinnerin des Prix Goncourt 2016

Wir danken sowohl der Autorin als auch der Librairie Kleber für die Möglichkeit, an diesem schönen Treffen teilnehmen zu können.

von Wanda Banach & Célia Van Haaren
Übersetzung: Mona Klinkhardt

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